Texte

Auszug aus
«Seelenfrieden. Eine Suche»

Was ist Spiritualität? Sie in Worte zu fassen, ist unmöglich.  Jahrhunderte lang beanspruchte die Kirche Exklusivität darauf. Noch heute reden viele Pfarrerinnen, Kirchenfunktionäre und Theologen spöttisch von «esoterischem Lifestyle», wenn es um nicht-kirchliche Spiritualität geht. Doch es gibt keine richtige oder wahre Spiritualität, keinen falschen Seelenfrieden. Spiritualität kann verschieden erfahren werden und sie wird verschieden erfahren. Vom einen beim Joggen im Wald, von einer anderen auf der Yogamatte, vom Dritten in einem Konzert oder beim Abendmahl in der Kirche.

Trotz dieser Vielfalt gibt es über Religionsgrenzen hinaus Beschreibungen von spirituellem Erleben, die sich gleichen – sogar dann, wenn die Vorstellungen von Göttlichem verschieden sind. Das Wahrnehmen von etwas, das über Verstand, Gefühl und Vorstellungskraft hinausgeht, scheint demnach zum Menschen zu gehören wie Atmen und Denken. Die einen sind sich dessen bewusst, andere nicht. Die einen bezeichnen dies als Spiritualität, andere als Kunst oder Natur, dritte haben dafür keine Worte.

Doch wie findet man Zugang zu spirituellen Erfahrungen? Wie soll man damit umgehen? Was lehren sie? Und was bedeutet es, wenn dieses Erleben plötzlich weg ist? Auf diese Fragen suchen Mystiker aller Religionen Antworten. In ihren Schriften versuchen sie zu beschreiben, wie sich spirituelle Erfahrungen zeigen, welche Phasen ausgemacht werden können und wie Spiritualität in den Alltag hineinwirkt.

Viele dieser Texte stammen von Mystikern, die vor 500 bis zu 2500 Jahren gelebt haben. Sie sind nicht nur in alten Sprachen verfasst, sondern in Gesellschaften entstanden, die anders funktionierten als unsere. Deshalb ist es oft nicht leicht, diese Schriften zu verstehen. Was meinen Mystiker zum Beispiel, wenn sie von «Gottesschau» oder von der «Befreiung von Begierden» schreiben? Was ist «Demut»? Warum soll man auf der Suche nach Erkenntnis das eigene Denken beobachten? Was geschieht, wenn man sich still hinsetzt und auf den Atem konzentriert? Warum ist das zu empfehlen?

Auch die Bibel und die systematische Theologie, also das wissenschaftliche Reden über Gott, auf das sich die Kirchen stützen, beruhen auf uralten Sprachen, historischen Denkweisen und überlieferten Ritualen. Weil die kirchlichen Traditionen und Glaubensmaximen sprachlich kaum an heutige Lebensauffassungen angepasst bzw. übersetzt werden, verstehen und glauben viele sie nicht mehr. Welcher aufgeklärte Mensch kann zum Beispiel leibliche Auferstehung nach dem Tod nachvollziehen? Wer glaubt in einer  Lebenskrise, dass ihm der gekreuzigte Jesus alles Leid abnimmt? Wer zweifelt angesichts Terroranschlägen, Umweltkatastrophen und Epidemien nicht an der Allmacht eines gütigen Gottes?

Ich bin den Glaubensmaximen und der kirchlichen Vermittlung von Religion gegenüber skeptisch bis ablehnend eingestellt. Aus dieser Skepsis heraus versuche ich im vorliegenden Buch, die christliche Lehre so ins heute zu übersetzen, dass sie nicht als veraltet oder als zu dogmatisch abgelehnt werden muss, sondern etwas aussagt über unser Dasein. Ich bemühe mich in meinen Nachforschungen und Interpretationen um Verständnis für die christliche Tradition, suche nach Verbindungen zu meinen spirituellen Erfahrungen und nehme mir dabei die Freiheit, kirchliche Dogmen zu hinterfragen und zu kritisieren. Dass ich die Philosophie von Yoga sowie Buddhas Lehre in die Überlegungen einbeziehe, hat mit meinem Austauschjahr in Thailand als Jugendliche und mit meiner Freude am Yoga zu tun. Denn erst durchs Yoga kam ich darauf, dass ich ein spiritueller Mensch bin. Die Kirche konnte mir diesen Zugang nicht vermitteln.

Damit bin ich nicht alleine. Viele Menschen fühlen sich in ihrem Bedürfnis nach Spiritualität, Lebenssinn und Seelenfrieden von der Kirche nicht ernst genommen. Deshalb suchen sie in anderen religiösen Traditionen und in anderen Tätigkeiten danach. Dagegen spricht nichts – außer vielleicht, dass es auch indische Gurus gibt, die ihre moralischen Überzeugungen autoritär durchzusetzen versuchen und man auch bei anderen Tätigkeiten immer wieder an Grenzen stösst. In der eigenen Religion sind einem die Dogmen und gesellschaftlichen Zwänge einfach bewusster als in einer exotischen. Das erzeugt Reibungsfläche – was gut ist.

Spiritualität fordert den Umgang mit Grenzen, Glaubenssätzen, Unsicherheit und Zweifeln heraus. Sie ist nichts Kuscheliges, nichts Sicheres, sondern ruft dazu auf, aufrichtig zu sein mit sich, wahrhaftig. Dies bedeutet unter anderem, die eigenen spirituellen Erfahrungen unabhängig von Gurus, Meistern, Pfarrerinnen und Buchautorinnen wichtig zu nehmen. Dieses Buch soll anhand meiner Entwicklung dazu einladen, den eigenen Seelenfrieden zu erkunden.

 

«Wo sich Gott verbirgt»
Predigt im Auftrag des Offenen St. Jakobs

Licht
Es gibt Sätze
die  heilen
und Tage
leichter als Luft.

 Es gibt eine Stimme
die ich wiedererkenne
noch bevor sie
mich ruft.

für S. von Klaus Merz

 

Wo sich Gott verbirgt

Die Einladung von Pfarrerin Verena Mühlethaler, im Offenen St. Jakob zu predigen, war für mich Anlass, wieder einmal die Genesis zu lesen. Meine erste Reaktion auf die Lektüre war Enttäuschung. Obwohl ich die Genesis seit meiner Kindheit kenne, hatte ich Geschichten über Gott erwartet. Stattdessen las ich Geschichten über Menschen, oder genauer: über Generationen. Die Männer nehmen sich die Frauen und diese gebären ein Kind nach dem anderen. Können sie keine Kinder bekommen, schicken sie die Mägde zu ihren Männern. Die Kinder streiten sich um die Gunst der Eltern, um Macht und um die Liebe Gottes. Gott, der sich am Anfang der Bibel noch liebevoll um die Erschaffung der Welt und der Menschen kümmert, wird von Seite zu Seite bösartiger. Er droht, massregelt und bestraft Mensch und Natur.
Nach der Lektüre habe ich mich gefragt: Habe ich richtig gelesen? Ist das die Kunde von Gott, auf welche sich die Christen seit zweieinhalb Jahrtausenden berufen? Was wird mir erzählt? Also las ich die ersten Seiten, die Schöpfungsgeschichte, erneut.
Zu Beginn erschafft Gott aus dem Nichts Himmel und Erde. Dann sagt er die ersten Worte. «Es werde Licht.» Gott macht mit einem Satz das Licht und die Sprache. Oder die Sprache und das Licht? Jedenfalls spricht Gott wie die Menschen, die er darauf entstehen lässt – und sie wie er.
Als Schriftstellerin kann ich es auch Licht werden lassen. Schreibend knipse ich es ein, lasse die Sonne sengen, eine Zigarette glimmen. Im Unterschied zu Gott kann ich allerdings davon ausgehen, dass die Leserinnen und Zuhörer schon Licht gesehen, es auf der Haut gespürt haben. Dem Wort «Licht» geht eine Erfahrung voraus. Fehlt einem Wort der Rückhalt im Erleben, ist es Behauptung. Das gilt auch für das Wort «Gott». Ohne Erfahrung des Göttlichen wissen wir nicht, was damit gemeint ist. Dann ist Gott einfach Teil einer Geschichte.
In der Schöpfungsgeschichte erschafft Gott nach dem Licht und der Zeit den Menschen. Er nimmt einen Klumpen Erde, formt den Mann und aus dessen Rippe die Frau. Beiden haucht er Atem ein und setzt sie in den Garten Eden, wo für sie gesorgt ist. Das Paar muss sich nicht abmühen, um am Leben zu bleiben. Die Früchte der Bäume fallen ihnen zu. Sie brauchen keine Kleider, keine Unterkunft. Gott schützt sie. Dann kommt die Schlange. Eva und Adam essen vom Baum der Erkenntnis und werden zur Strafe aus dem paradiesischen Garten vertrieben.
Seither ist das Leben der Menschen mühselig. Adam muss «im Schweisse seines Angesichts» sein Brot essen und Eva unter Schmerzen Kinder gebären.
Es ist eine mitleidslose, aber auch geheimnisvolle Geschichte, mit der sich die Menschen 1000 bis 600 Jahre vor Christus, der Zeit der Niederschrift der Genesis, zu erklären versuchten, warum die Welt war, wie sie war und warum sie selbst waren, wie sie waren. Sie stellten sich die gleichen Fragen, die wir uns trotz naturwissenschaftlicher Erkenntnisse über die Entstehung der Welt auch stellen: Warum müssen wir uns abrackern? Warum machen wir uns gegenseitig das Leben schwer? Wie finden wir Erfüllung? Wer kann unsere Sehnsucht stillen? Wie die Menschen vor 3000 Jahren hadern wir mit unserem Schicksal. Wie sie sehnen wir uns nach paradiesischen Zuständen.
Dennoch frage ich mich, ob es sich bei Gottes Verdikt, wonach wir arbeiten, unter Schmerzen Nachkommen zur Welt bringen und sterben müssen, wirklich um eine Strafe handelt. Hat Gott unser Leben nicht vielmehr von Anfang an so vorgesehen? Warum sonst hat er den Baum der Erkenntnis ins Paradies gepflanzt und mit verführerischen Früchten versehen?
Hätten Eva und Adam die Frucht der Erkenntnis nicht gegessen, wären wir frei von Hunger, Zwängen, Trauer, Ängsten, Zweifeln, ungestillten Sehnsüchten. Die Liebe und Gott wären immer in Reichweite. Was würden wir in dieser Freiheit tun? Was würden Sie, liebe Zuhörer und Leserinnen, tun?
Ich würde wohl essen, die Sonne geniessen, spazieren, mich dem Geliebten hingeben. Und ich würde schreiben. Würde ich? Hätte ich ohne Not, ohne Streit, ohne Empörung und ohne Sehnsucht nach Liebe und Licht den Drang zu schreiben? Würde ich ohne Erkenntnis nachdenken können, nachdenken wollen?
Der Ausdruck «Erkenntnis von Gut und Böse» bedeutet im hebräischen Sprachgebrauch «die Erfahrung von allem» und «das Mächtigwerden aller Dinge und Geheimnisse». Dies haben sich Adam und Eva mit der Frucht einverleibt. Damit wurde der Mensch zum Menschen, der wir heute sind. «Die Erfahrung von allem» und der Tod gehören zu uns.
Auch die Literatur gehört seither zu unserem Leben. Der Schock des Todes und die Mühsal der «Erfahrung von allem» liessen Adam und Eva ins Buch, die Bibel eingehen. Und damit in die Literatur. Seit dem Sündenfall sind wir auf die Literatur angewiesen. In ihr finden wir uns wieder. Beim Lesen von Romanen, Gedichten, Erzählungen und Bibeltexten können wir träumen, fragen, zweifeln, nachdenken. Literatur lebt von der «Erfahrung von allem». Weil sie abstrakte Begriffe meidet, lässt sie die Dinge mächtig werden. Auch Allmachtsphantasien sind Teil von ihr.
Falls Gott Adam und Eva tatsächlich daran hindern wollte, vom Baum der Erkenntnis zu essen, wollte er sie wohl vor jenen Allmachtsphantasien bewahren, die ausserhalb der Literatur ausgelebt werden. Gegen die Literatur selbst kann Gott, der mit einem Wort Licht gemacht hat, nichts haben. Denn die Literatur hält die Sprache lebendig. Um über Gott zu reden und zu schreiben, braucht es eine lebendige Sprache. Sonst wird er zu einem alten Mann mit Bart. Zur leeren Behauptung.
Eine lebendige Sprache lebt von der Wahrnehmung der Schreiberin, vom Mut des Erzählers zur persönlichen Sichtweise. Eine lebendige Sprache ist eine suchende Sprache, die Wörter hinterfragt und ihrem üblichen Gebrauch misstraut. Nur eine suchende Sprache kann sich an Unbeschreibliches herantasten. Göttliches ist unbeschreiblich. Und Göttliches entzieht sich, kaum glauben wir, es zu erhaschen.
Wohin entzieht es sich? Gott zieht sich am siebten Tag zurück, um auszuruhen. Wohin er sich zurückzieht, steht nicht. Wo also erholt er sich von «all seinem Werk»? Wo finden wir ihn? Lesen wir Klaus Merz’ Gedicht, ahnen wir es.
Da Gottes Werk von Worten begründet ist, ist der Abstand zwischen den Zeilen sein nahe liegender Rückzugsort. Zwischen den Zeilen gibt es Platz, es ist still und die Luft kann durchziehen. Manchmal macht Gott dort einen Spaziergang, wie er es im Garten Eden zu tun pflegte. Wenn wir aufmerksam lesen, vernehmen wir wie Adam und Eva nach dem Biss in die Frucht «die Schritte des Herrn, Gottes, wie er beim Abendwind im Garten wandelt.» Das Menschenpaar erschrickt und versteckt sich aus Scham vor ihm. Gott sucht die beiden hinter Bäumen, im Gebüsch. Er streckt den Kopf durch die Zeilen, ruft nach ihnen. Wenn wir aufmerksam sind, hören wir sein «Wo bist du?»

 

Englischer Auszug aus
«Nochmal tanzen»

«Dance again»; Übersetzung von Donal McLaughlin als pdf:
Nochmal tanzen English Extract 2013

Essay aus dem Band «Interventionen1»:

Einfach so

Manche Kunstwerke wecken in mir den Wunsch, malen zu können. Abstrakt malen oder zeichnen, mit dickem Stift oder breitem Pinsel, auf grossen Flächen, mit weiten Bewegungen. Ich stelle es mir schön vor, ausserhalb der Sprache zu wirken.
Da wären zum Beispiel Linien. Nichts als Linien. Eine Linie ist auch als Strich Linie, solange der Strich nicht abschattet, strähnt, eine Kutte färbt oder einen Bauern umreisst. Eine Linie kann verbinden, sich verknoten, kreuzen, markieren, liegen, stehen, sie kann weich sein, geschwungen, entschieden, zart, gerade, dick, dynamisch, starr. Aber sie muss nicht. Sie kann ein Strich sein, nichts als das.
Ein Wort steht nie für sich. Es deutet zum Beispiel auf Brot, Mann, blendet, Messer, draussen und schon sitzt draussen ein Mann, der geblendet wird und mit dem Messer Brot schneidet. Die Wörter greifen nach Bedeutung, Bezug, Gestalt. Sehe ich eine Linie, wirkt sie. Beschreibe ich wie sie wirkt, hört sie auf, Linie zu sein. Sie verliert sich in Verben, Substantiven und Adjektiven. In der Sprache gibt es zwischen zwei Punkten keine Gerade.
Ich sehne mich nach einem Ausdrucksmittel, das eine Linie Linie sein lassen kann und sie nicht belädt mit Geschichte und Geschichten. Auf der Linie lasten die Richtschnur, die Hierarchie, die Wäscheleine, die Gefechtsform, der richtige Ton, die Abgrenzung, der Horizont, das Mass. 17 Paragraphen werden im Grimmschen Wörterbuch zur Linie aufgelistet.

Ich kann weder malen noch zeichnen. Als Kind tat ich es trotzdem. In der Primarschulzeit hörte ich Geschichten vom Kassettenrecorder und malte die Quadrate auf kariertem Papier mit Filzstift aus. Die Form war gegeben, das Konzept minimal: Die Farbquadrate durften sich nur an den Ecken berühren. Als ungelenke Zeichnerin wollte ich zeichnen, ohne etwas darzustellen. Ich malte einfach so. Einfach so, wie ich auf dem Schulweg zu hüpfen begann oder sang. Dank dem minimalen Konzept fragte kein Erwachsener, was auf meiner Zeichnung zu sehen sei. Da war nur das Einfachso, das ich noch heute suche, wenn ich mich an den Schreibtisch setze, um zu schreiben.
Um einfach so zu schreiben, helfen mir weder Raster noch Konzept. Zeit, Alleinsein und der Baum vor dem Fenster hingegen schon. Ich schaue ins Grün, sehe Meisen picken, Äste wippen. Ich höre die Stille. Sobald sich die Stille bis ins Denken ausgebreitet hat, suchen die Finger nach Rhythmus. Rhythmus, der die Wörter zum Klingen bringt, zum Schwingen. Schwingen die Wörter, schaffen sie Raum um sich, in dem sich Wesen einnisten, Bezüge. Einfachso gibt es in Texten nicht. Da sind Bilder, Bedeutung, Klang und Handlung. Einfach so kann ich nur am Schreibtisch sitzen, die Stille aufnehmen und versuchen, mich konzentriert auf nichts zu konzentrieren.

Ich sehne mich nach Konzentration, die sich selbst genügt. Einen Zirkel zur Hand nehmen, die Spitze in die Wand stecken, die Mine kreisen lassen. Einstechen, kreisen. Wieder und wieder, ohne etwas zu beherrschen. Linien entstehen lassen, nichts als Linien.
Mehr als Linien. Die Wand verzittert den Strich, die Länge der Linien entzieht sich dem Überblick, ihre Unzahl verbirgt das Raster. Die Linien werden zum Netz. Auf der Suche nach Ordnung folgen die Augen den Linien von den Ecken her, von unten, von der Seite, das Oben ist zu weit weg. Das Tageslicht, das von der Seite auf die Wand fällt, löst das Netz stellenweise auf. Die Augen verlieren den Faden und sind erfüllt. Erfüllt von Ruhe, Konzentration und Nichts.
«Konzeptionelle Künstler sind eher Mystiker als Rationalisten», schrieb Sol leWitt 1969 in seinen Sentences on Conceptual Art fünf Jahre vor der Vollendung seiner Wandzeichnung Kreise, Raster und Bögen von vier Ecken und vier Seiten im Basler Museum für Gegenwartskunst. Zog Sol leWitt seine Linien so, wie es meine Sehnsucht ausmalt? Versunken, still, lose konzentriert wie ich damals beim Ausmalen von Quadraten? Hörte er Radio dazu? Vergass er die Zeit?

Es heisst, Sol leWitt habe Subjektivität vermeiden wollen. Tat er das? Vielleicht interessierte ihn individueller Ausdruck bei seiner Arbeit ebenso wenig wie das Darstellen eines Bauern beim Brotschneiden. Aber ist ein Konzept, eine Idee nicht ebenso Ausdruck einer persönlichen Sicht auf die Dinge, auf die Kunst, wie ein Gemälde? Ist das Ziehen von Linien, das Zeichnen von Kreisen nicht ebenso Ergebnis einer Handschrift wie die Farbschicht auf einer Leinwand? Kann ein bildender Künstler objektiv sein?
Als Schriftstellerin kann ich Subjektivität weder verhindern, noch muss ich mich darum bemühen. Sprache ist immer subjektiv – ausser sie erstickt in Formalitäten. Meiner Sprache liegt die sinnliche und sinnende Wahrnehmung zu Grunde.

Im Zentrum von Sol leWitts Kunst standen Ideen und Konzepte. Ihre Realisierung fand er nicht nötig, Kunstfertigkeit strebte er nicht an – und erlangte sie trotzdem. Widmet man sich wie er hingebungsvoll einer Sache, stellt sich mit den Jahren zwangsläufig Meisterschaft ein. Man wird Expertin im Beobachten, Experte für Materialien, Formate, Werkzeuge, Formen. Man umkreist von Tag zu Tag seine Themen, lotet die Grenzen des Machbaren aus und schafft es doch kaum darüber hinaus. Deshalb träume ich vom Malen. Ob Sol leWitt vom Schreiben träumte?
Im Gegensatz zu Sol leWitt sind für mich Ideen nicht Ausgangspunkt meiner Arbeit. Sie entstehen beim Schreiben über Beobachtungen, Stimmungen, Beziehungen und Gefühle und beim Ausprobieren von Formen. Realisiere ich die Ideen, sind sie Teil meiner Texte. Schreibe ich sie nicht nieder, versickern sie.
Bedingung zum Schreiben ist das Einfachso. In sinnloser Konzentration suche ich nach Wörtern, zwischen denen Räume entstehen, die grösser sind als meine Ideen es sein können, und offener, als was ich mir ausdenke.
Betrachte ich Kunst, die mich etwas angeht, ist die Konzentration da. Sie bewirkt, dass sich Räume öffnen. Die des Künstlers und meine. Die Wand mit den Linien von Sol leWitt geht mich etwas an. Etwas, das ausserhalb der Sprache liegt.

Sol leWitt: Circles, Grids and Arcs from Four Corners and Four Sides (ACG 195), 1973–1974, Wandzeichnung, 720 x 432 cm, Kunstmuseum Basel, Geschenk des Künstlers im Andenken an Dr. Carlo Huber 1977

Ausschnitt aus «Eine Andere»:

Jetzt muss sie. Eine Freundin schreibt ihr, «nur rasch, habe viel zu tun». Die Freundin macht sich Sorgen um sie: «Taucht im Lebenslauf auch nur die kleinste Irritation auf, bist du weg.» Sie weiß das. Sie hat die Lücken gefüllt, Umwege so kurz wie möglich gehalten.
Sie gibt ihr Bestes. Jedes Mal. Kürzlich wurde sie nach einem zweistündigen Bewerbungsgespräch auf einer Beratungsstelle für Hirnverletzte schriftlich getestet. Sie musste ein Marketingkonzept schreiben – was sie noch nie gemacht hatte. Die Befrager waren mit dem Resultat zufrieden. Und sagten ihr ab mit der Begründung, sie sei zu gut gewesen, zu souverän. Der Inhaber einer Werbeagentur studierte vor ihren Augen den Lebenslauf und verwickelte sie danach in ein Gespräch über ihre Einstellung zu Konsum und ihre Vorliebe für Lyrik. Zum Schluss sagte er, sie sei ein Nischenprodukt, er suche jemanden, der für die Massen texte. Sie war ihm dankbar. Die meisten sagen nicht, was sie denken. Sie gehen einen Fragebogen durch. Was sind Ihre Stärken und Schwächen? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Und lassen sich mit den Antworten abfertigen, die sie mit dem Personalberater einstudiert hat. Mit einem Nicken quittieren sie den Satz, sie sei an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert. Er scheint ihnen, zusammen mit dunkler Hose und heller Bluse, Diplomen und Zeugnissen, die Sicherheit zu geben, die sie suchen.
Sie selbst kann ihre Antworten nicht mehr hören, ihr Lächeln widert sie an.